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Frankfurter Rundschau Rolli mit Rammgitter Rugby ist ein ruppiger Sport, aber er wird auch von Querschnittsgelähmten gespielt, zum Beispiel in Ulm VON ALBERT HEFELE ![]() Zusammenstoß: Beim Rollstuhl-Rugby gehen Querschnittsgelähmte voll zur Sache, wie hier beim Finale der Paralympics 2000 in Sydney zwischen den USA und Australien. "Geh, Wolfgang, geh!" Reiner Schneider macht seinen Männern Dampf. Es ist Donnerstagabend in der Turnhalle des Rehabilitationskrankenhauses Ulm. Training des Rugby-Teams der Donau-Haie. Rot gegen Gelb. Metall kracht auf Metall, und die Spieler haben einen Heidenspaß. Trotzdem: Training ist Training und Reiner Schneider, Coach und Mädchen für alles in der Mannschaft, ist dafür zuständig, dass auch gearbeitet wird: "Geh, Wolfgang, geh!" Eigentlich müsste es "Roll, Wolfgang, roll!", heißen, denn wenn Wolfgang Haas etwas nicht kann, dann ist es gehen. Schon einige Jahre nicht mehr. Seit seinem schweren Unfall, bei dem er als Beifahrer vom Pfahl eines Gartenzauns regelrecht durchbohrt wurde. Schwere innere Verletzungen, komplette Durchtrennung der Wirbelsäule. Haas lag wochenlang auf der Intensivstation, wurde mehrmals reanimiert, ist seitdem querschnittgelähmt. Ein hoher Querschnitt - Tetraplegie, Lähmung aller vier Extremitäten. Das heißt im Falle von Wolfgang Haas: keine Handfunktion, massiv eingeschränkte Armfunktion. In Kombination mit seinen schweren inneren Verletzungen räumte ihm keiner seiner Ärzte und Therapeuten eine Chance auf ein relativ selbstständiges Leben ein. "E-Rollstuhl", hieß die Prognose. Das Fortbewegungsmittel für die, die grade noch ein Hebelchen bewegen können. Damit wollte sich Haas, der vor seinem Unfall Tischtennis gespielt hatte, Amateurboxer war und Amateurboxer trainierte, nicht abfinden. Er suchte hartnäckig nach Möglichkeiten, Sport zu betreiben, und stieß während einer seiner Reha-Aufenthalte im Ulmer RKU auf Rollstuhl-Rugby und die Donau-Haie. Was auf den ersten Blick wie der etwas fragwürdige Versuch aussieht, einen "echten Männersport" für Rollstuhlfahrer zu konstruieren, hat eigentlich andere, sehr pragmatische Gründe. Rollstuhl-Rugby wurde in Kanada als Alternative für diejenigen, für die Basketball nicht in Frage kam, entwickelt. Weil sie auf Grund ihrer Lähmung nicht in der Lage waren, einen Ball mit Druck nach oben zu werfen. Gesucht wurde ein Mannschaftssport, den auch Rollstuhlfahrer betreiben können, die relativ schlecht fangen und werfen können. Gefunden wurde Rollstuhl-Rugby. Bremser und Sprinter Rugby im Rollstuhl ist schnell, hart und ruppig. Obwohl Körperkontakt verboten ist; dafür ist mit dem Rollstuhl fast alles erlaubt. Mit dem Spezialrollstuhl, wohlgemerkt. Rugby-Rollstühle sind maßgefertigt, müssen maßgefertigt sein, damit sich die Spieler trotz ihrer schweren Behinderung optimal mit ihrem Sportgerät bewegen können. Solche Stühle kosten zwischen 5000 und 6000 Euro. Es gibt Rollstühle für die Bremser, die Blockierer, die die gegnerischen Spielmacher lahm legen, und es gibt Rollstühle für die Sprinter, die den Ball hinter die gegnerische Grundlinie bringen sollen. Je nach Aufgabe muss der Rollstuhl schnell und wendig sein oder sperrig und schwer zu umfahren. Manche Rollstühle haben Rammgitter. Und die entsprechende Wucht beim Aufprall. Nichts für Wolfgang Haas, hieß es. Zu kompliziert, was die motorischen Abläufe angeht, viel zu anstrengend, was die konditionellen Anforderungen betrifft. Kein Sport, bei dem man ein bisschen bei den Leuten sein und mitrollen kann. Dafür haben sie keine Zeit bei den Haien. Man hat schließlich Mannschaften in der Ersten und Zweiten Bundesliga. Einige Spieler sind in anderen europäischen Mannschaften tätig, einer Art Champions-League. Die Mannschaft ist im Herbst 1996 von dem äußerst rührigen Ulmer Rollstuhlfahrer und Nationalspieler Martin Schuth gegründet worden. Die Donau-Haie entwickelten sich in wenigen Jahren zu einer der besten RR-Mannschaften Deutschlands und Europas. Aus der Hai-Mannschaft sind Nationalspieler hervorgegangen. Wie Wolfgang Mayer, der Top-Scorer der Paralympics von Sydney. Wie Reiner Schneider. Der war schon deutscher Meister, Europameister und Weltmeister, bevor er zu den Haien kam. Als Bogenschütze. Teilnehmer an vier Paralympics in Seoul, Barcelona, Atlanta und Sydney. Leider keine Medaille. "Immer irgendwie Pech gehabt bei den Olympischen Spielen", sagt Reiner Schneider. Aber er wirkt nicht sehr traurig dabei. Schneider ist überhaupt keiner, der sich beklagt. Obwohl er Grund dazu hätte, denn eigentlich müsste er nicht im Rollstuhl sitzen. Bei einem typischen Junge-Männer-Wochenendunfall war er aus dem Wagen geschleudert worden. Direkt nach dem Unfall schien ihm nichts zu fehlen. Er saß im Straßengraben und hatte ein bisschen Schädelbrummen. Dann: die Bruchstelle eines Wirbels, die auf dem Röntgenbild nicht zu erkennen war, und eine daher nicht sehr behutsame Schwester, die ihn am Morgen zum Waschen aufrichten wollte. "Es hat nicht mal gekracht", sagt Schneider. Und lange wollte er nicht wahrhaben, dass er von nun an sein Leben im Rollstuhl verbringen würde. "Man klammert sich an die Geschichten von Leuten, bei denen nach Jahren einige Funktionen zurückgekehrt sind." Die Heilkraft der Illusion lässt aber meistens auf sich warten. Beziehungsweise man wartet vergeblich, und irgendwann ist die Konfrontation mit den Tatsachen unvermeidlich. Die Konfrontation und die Entscheidung, wie das zukünftige Leben nun aussehen wird. Schneider hat sich für die aktive Variante entschieden. "Ich habe mit Bogenschießen angefangen." Und das war alles andere als einfach. Pfeil einlegen und Bogen spannen, das zu lernen dauerte Wochen und Monate. Er verbiss sich in die Aufgabe und wurde immer besser und besessener. Er gewann auf Kreisebene sogar gegen Bogenschützen, die nicht im Rollstuhl saßen. Der Sport, das Bogenschießen versorgten ihn mit den Qualitäten, die ihm die Behinderung zu rauben drohte: den Respekt der anderen und die Achtung vor sich selbst. Erst recht, als die wirklich großen Erfolge kamen, Erfolge, die die wenigsten Menschen vorweisen können. Behindert oder nicht. Handschuhe für den Grip Reiner Schneider ist mittlerweile vierzig Jahre alt. Das Bogenschießen auf Weltklasse-Niveau und die Reisen als Nationalspieler im Rollstuhl-Rugby sind ihm mittlerweile zu viel an Aufwand. "Ich war an 45 Wochenenden unterwegs." Heute ist ihm die Zeit mit seiner Lebensgefährtin wichtiger. Und die Donau-Haie. Das Training am Donnerstag. Für viele Rolli-Fahrer in der Mannschaft der Höhepunkt ihrer Woche. Obwohl es für manche schon mühsam ist, in die Halle zu kommen. Dann sich umzuziehen und die Hände zu tapen. Obwohl es ewig dauert, bis die skurrilen roten Gummihandschuhe, die unverzichtbar sind für den Grip beim Anschieben, über die zierlichen, nahezu muskellosen Hände geschoben und mit Klebeband fixiert sind. "Für mich geht die Woche von Donnerstag bis Donnerstag", sagt Andreas Bürgermeister. Er ist mit 29 der Jüngste in der Mannschaft und seit vier Jahren dabei. Trotz Freundin und Tochter würde er auf den Sport nie verzichten. "Die Kameraden, die Reisen, das Spielen...", seine Augen leuchten, und man versteht, da ist noch viel mehr. Darum kommt Wolfgang Mayer aus Rosenheim zum Training nach Ulm, Alfred Hüter aus Ansbach. Welcher Fußgänger würde solche Mühen auf sich nehmen, um seinen Sport machen zu können? Teilhabe am Leben Da ist noch viel mehr. Zum Beispiel die nicht vorhandene "Ich bin ein Behinderter, helft mir und versorgt mich"-Stimmung. Wer bei den Haien spielt, will selbstständig und leistungsfähig sein und bleiben. Männer mit dem Spaß an ihrer Körperlichkeit. Tetra hin oder her. Wolfgang Haas erinnert sich: "Nach dem ersten Training war ich in Schweiß gebadet und völlig fertig - und es war großartig!" Das großartige Gefühl, es denen gezeigt zu haben, die ihm nichts mehr zugetraut haben, das großartige Gefühl, am Leben teilzunehmen. Dazuzugehören. Zu den Haien. Zu Menschen wie Reiner Schneider, der sicher auf seine Behinderung gerne verzichten würde, aber gerade durch sie zu dem geworden ist, der er heute ist. Der die Welt gesehen hat und heute über seine Erfolge und seine Persönlichkeit anderen Behinderten in vieler Hinsicht als Vorbild dient. Ob er ihnen Tipps gibt, die im Alltag oder auf Reisen hilfreich sind. Oder ob er ihnen Anschauungsunterricht in gusseisernem Selbstbewusstsein erteilt, wenn er so grade mal einen Para, der ab und zu am Training teilnimmt, um die Halle jagt. Paraplegiker können ihren Oberkörper und ihre Arme vollkommen nutzen und einsetzen. Trotzdem kommt ihm Reiner Schneider in jeder Runde näher und überholt in schließlich. Wer hat jemals einen Mann scheinheiliger besorgt fragen hören: "Gell, jetzt werden dir die Arme lahm..." Und ihn dabei zufriedener grinsen sehen. |
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online 2003
Dokument erstellt am 16.12.2003 um 18:08:17 Uhr
Erscheinungsdatum 17.12.2003
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